







Die Folkloreszene der DDR
„Ich weiß ein Land“ spielt im Umfeld der Folklore-Szene der DDR, die ab den späten 70er Jahren große Popularität unter jungen Leuten genoss. Viele von ihnen waren vorher in der FDJ-Singebewegung aktiv gewesen und hatten später einen anderen musikalischen Weg gesucht, fern politischer Agitation. Historische Lieder boten ihnen einen Rückzug ins vermeintlich Unpolitische.
Doch ganz unpolitisch blieb es nicht: Bei der Suche nach alten Liedern stieß man auf den Großen Steinitz, eine in der DDR verlegte Sammlung „Volkslieder demokratischen Charakters aus sechs Jahrhunderten“, deren kritische Texte sich oft auch auf die Gegenwart beziehen ließen. Kein Wunder also, dass der Steinitz bald die Runde durch die Republik machte und für viele der über 200 Folklore-Gruppen der DDR zu einer geschätzten Quelle wurde. Auch wenn deren Repertoire vor allem aus Gesellen-, Trink- und Volksliedern bestand, schlich sich gerne auch etwas Gesellschaftskritisches in ihre Programme: oppositionelle Soldatenlieder, Auswandererlieder, Lieder der 1848er-Revolution, mit denen sich Missstände in der DDR andeuten ließen. Das Publikum war darin geübt, zwischen den Zeilen zu lesen, und hatte daran seine Freude.
Paradoxerweise erfreute sich auch der Staat an der Folklore-Szene, denn offiziell galten ihre Lieder als fortschrittliches Kulturerbe. Zudem war die Szene ein Paradebeispiel für seine Kulturpolitik, die die kulturelle Betätigung von Arbeitern großzügig förderte und nicht wenige Quereinsteiger zu Bühnenprofis machte. Für die Folk-Musiker ergab sich so eine komfortable Zwischenwelt: Förderung auf der einen Seite, spielerische Freiheit auf der anderen – zumindest zwischen den Zeilen.

Quellen & Recherche
Viele Motive des Romans sind inspiriert durch Erlebnisse und Anekdoten aus dem Familienkreis der Autorin, deren Eltern Mitglieder einer typischen DDR-Folkloregruppe waren. Auch Erinnerungen anderer Kulturschaffender sowie Erinnerungen aus dem Freundes- und Bekanntenkreis sind eingeflossen. Unzählige Zeitzeugen-Gespräche, ein unveröffentlichtes biografisches Manuskript, Tagebücher, Briefe, Akten, Presseberichte, Spielbücher, historische Tonaufnahmen sowie Sekundärliteratur waren Quellen für die umfangreiche Recherche, die dem Roman zugrunde liegt.
Auch wenn sich das Buch um größtmögliche Authentizität bemüht, was historische Details betrifft, so ist es dennoch eine Autofiktion, keine Biografie. Alle Figuren, ihre Handlungen und Erlebnisse sind fiktiv und lediglich durch die Realität informiert. Wo genau die Grenze verläuft zwischen historischer Vorlage und blühender Fantasie, bleibt das Geheimnis der Autorin.
Eine unschätzbare Quelle für die Recherche war das Buch über die DDR-Folklore-Szene von von Wolfgang Leyn, dessen Lektüre sehr zu empfehlen ist. (Leyn Wolfgang: Volkes Lied und Vater Staat. Die DDR-Folkszene 1976–1990. Ch. Links Verlag, Berlin 2016.)